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Chemie- und Pharmaberufe Verbandes

Organische Stoffe ohne Lösungsmittel

In einem Gramm des hergestellten Stoffs erstrecken sich Hohlräume von insgesamt 7250 Kubikmillimeter.

Die Herstellung von Materialien aus organischen Stoffen war bis dato nur mithilfe stark toxischer Lösungsmittel möglich. Ein Team um Chemikerin Miriam Unterlass, Professorin der Universität Konstanz und Forscherin am Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) in Österreich, entwickelte ein Verfahren, mit dem organische Stoffe nur durch das Erhitzen in Wasser völlig schadstofffrei für die Verwendung als Hochleistungsmaterialien nutzbar gemacht werden.

Zahlreiche Produkte unseres täglichen Bedarfs wie Akkus und Elektronikmaterialien werden mithilfe anorganischer Stoffe hergestellt – Stoffe, die nach und nach seltener werden auf unserem Planeten. Chemiker suchen nach Möglichkeiten, anorganische durch organische Stoffe zu ersetzen. Um diese für die gewünschten Anwendungen brauchbar zu machen, werden bis heute hochtoxische Lösungsmittel genutzt. Genau dieser Problematik widmet sich Chemikerin Miriam Unterlass, Professorin an der Universität Konstanz und Forscherin am Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), in ihrer aktuellen Studie. Sie erklärt: «Organische Stoffe haben sehr viele positive Eigenschaften: Sie sind aus nachwachsenden Rohstoffen gewinnbar, umweltfreundlich und vor allem extrem leicht. Mit unserem Verfahren können wir sie nun auch komplett frei von giftigen Lösungsmitteln, sehr einfach und kostengünstig herstellen und nutzbar machen. In unserer aktuellen Studie haben wir uns der Erzeugung besonders poröser Stoffe gewidmet, die für Herstellung von Hochleistungsmaterialien gebraucht werden, vor allem in der Industrie, zum Beispiel für Filteranlagen, Membranen für Brennstoffzellen, aber auch für Feuerwehrschutzbekleidung oder sämtliche Isolationen in der Elektronik.»

Interdisziplinarität am CeMM

Rund 140 Forscherinnen und Forscher aus 49 Nationen forschen am Forschungszentrum für Molekulare Medizin in Wien. Interdisziplinarität bildet dabei ein wichtiges Kernelement. Forschende aus Biologie, Medizin, Bioinformatik, Chemie und Physik arbeiten an die Verbesserung von Diagnose und Therapie von Erkrankungen und betreiben zudem Grundlagenforschung. Die Studie ist Teil des FWF-Start-Projekts «Hydrothermal zu funktionellen organischen Gerüststrukturen».

Die Verbindung mit Wasser

Während anorganische Stoffe wie Salze wasserlöslich sind, sind organische Stoffe meist apolar und lösen sich in herkömmlichem Zustand nicht in Wasser. Für ihr neues Verfahren erhitzten die Studienautorin Marianne Lahnsteiner, PhD-Studentin aus Unterlass‘ Forschungsgruppe am CeMM, und Projektleiterin Miriam Unterlass Wasser und stellten fest, dass dieses dabei auch seine Fähigkeit veränderte. «Durch das Erhitzen von Molekülen, die lediglich Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Kohlenstoff enthalten, in Wasser zwischen 180 und 250 Grad und unter Druck, können sich diese Moleküle verbinden. Je nach Temperatur und Dauer dieses Prozesses erzielen wir damit unterschiedliche Strukturen, die wir in hunderten Versuchen genau erforschen konnten», so Unterlass, «so wissen wir jetzt genau, welche Strukturen durch welche, bei welcher Temperatur und Bearbeitungszeit entstehen. Die Stoffe in unserer Studie wurden gezielt als Hochleistungsmaterialien entwickelt, sind dementsprechend besonders temperaturstabil und robust.»

Sieben, Filtern, Leiten

In einem Gramm von des von Lahnsteiner und Unterlass hergestellten Stoff sind enorme 7250 mm3 Hohlraum. Er bietet demnach – je nach Form – die perfekten Eigenschaften für Anwendungen wie Filtern, Sieben und Leiten, und das bei geringem Gewicht. Um die durch das Verfahren entstehenden Strukturen besser beobachtbar zu machen, arbeiteten die Forscherinnen mit der Forschungsgruppe von Netzwerkwissenschaftler Jörg Menche, Professor an der Universität Wien und ebenfalls Forschser am CeMM, zusammen. Menches Forschungsgruppe konnte anhand der Mikroskopie-Bilder die entstehenden Strukturen und Muster analysieren. «Mithilfe von Künstlicher Intelligenz konnten wir rasch eine Vielzahl an entstandenen Strukturen so kategorisieren, dass wir wissen, wie wir das Entstehen bestimmter Strukturen erreichen», so Lahnsteiner.

Grünes Verfahren mit rund 25 Prozent Kostenersparnis

«Smog ist ein zentrales Zeichen von Umweltverschmutzung. Chemische Prozesse sind tatsächlich leider mitverantwortlich für dessen Entstehung, durch die Verwendung giftiger Lösungsmittel. Mit unserer neuen Herstellungsmethode schaffen wir eine enorm wichtige Alternative für die Verarbeitung organischer Stoffe, die ganz ohne solche giftigen Lösungsmittel auskommt. Gleichzeitig werden sehr häufige statt seltener Elemente verwendet», so Unterlass. «Ausserdem ist das Verfahren sehr kostengünstig. Die Verwendung von Wasser im Vergleich zu giftigen Lösemitteln bei der Herstellung von porösen Materialien erspart rund 25 Prozent der Kosten. Und wir produzieren keine Schadstoffe.»

www.cemm.at

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