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Pflanzenöle: Erbgut-schädigende Verbindungen nachgewiesen

Sind pflanzliche Öle doch nicht so gesund wie angenommen? (Bild: Pixabay)

An der Justus-Liebig-Universität Giessen wurden erstmalig Genotoxine in Pflanzenölen entdeckt. Mit Hilfe eines neuartigen Verfahrens kombinierte ein Forscherteam Methoden aus der Chemie und der Biologie und konnte genotoxische Verbindungen in komplexen Proben visualisieren.

Pflanzenöle, die reich an ungesättigten Fettsäuren sind, werden bekanntlich für eine gesunde Ernährung empfohlen. Doch diese Öle könnten nicht so gesund wie gedacht sein. Prof. Dr. Gertrud Morlock, Inhaberin der Professur für Lebenswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Giessen (JLU), hat zusammen mit dem Doktoranden Daniel Meyer mit einem neuartigen Verfahren erstmalig beachtliche Mengen an Erbgut schädigenden Substanzen in Pflanzenölen nachgewiesen. Das Forscherteam untersuchte 31 Produkte, in denen bis zu acht unterschiedliche Genotoxine nachgewiesen wurden. Analysiert wurden Olivenöl, Sonnenblumenöl, Rapsöl, Distelöl, Leinöl, Sesamöl, Kokosöl, Erdnussöl, Hanföl und Walnussöl, darunter auch Bio-Produkte. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift «Food Chemistry» veröffentlicht.

Genotoxische Substanzen lösen Veränderungen an der DNA aus, dem genetischen Material von Zellen. Die Charakterisierung mittels hochauflösender Massenspektrometrie ergab, dass oxidierte Linolensäure in allen Proben eine Quelle der Genotoxizität darstellt. Die Menge der schädlichen Verbindungen in den untersuchten Ölen stieg mit zunehmender Lagerung an der Luft. Insbesondere die gesunden ungesättigten Fettsäuren sind dafür bekannt, dass sie anfällig für eine Oxidation sind, was zur Bildung von Epoxiden führt. «Epoxidierte Fettsäuren, beispielsweise, sind in ihrer genotoxischen Wirkung bereits bekannt, wurden bislang aber nicht in Pflanzenölen nachgewiesen», erklärt die Erstautorin Prof. Dr. Morlock. «Unsere Analysen sind von grosser Bedeutung, denn Pflanzenöle stecken in fast allen Lebensmitteln, in vielen Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika.»

Analytik: Paradigmenwechsel gefordert

Bei dem neuartigen Verfahren kombinierte das Forscherteam Methoden aus der Chemie und der Biologie auf einer Oberfläche: die chromatographische Trennung und den Wirkungsnachweis. «Mit dieser Methode erhält man deutlich aussagekräftigere Wirkstoffprofile als bislang möglich und kann genotoxische Verbindungen in komplexen Proben differenzierter und mit höherer Sensitivität visualisieren», so Prof. Dr. Morlock. Diese wirkungsbezogene Analytik mittels sogenannter Planar-Chromatographie hat sie an der JLU etabliert. «Die aktuell in der Lebensmittelanalytik verwendeten Methoden geben die Schadstoffbelastung mit Genotoxinen in komplexen Lebensmitteln wie Ölen nicht richtig wieder, da deren Signale von übermächtigen anderen Signalen überlagert werden.» Prof. Dr. Morlock plädiert daher für einen Paradigmenwechsel bei der Analytik hin zu planaren bildbasierten Wirkstoffprofilen, um die Verbrauchersicherheit insbesondere bei Basislebensmitteln zu erhöhen.

Die Wirkstoffprofile der Pflanzenöle zeigen genotoxische Verbindungen als grüne Fluoreszenzzonen. (Bild: «Food Chemistry»)

Um das leistungsstarke neue Verfahren zu verbreiten, wurde es als portables Open-Source-System miniaturisiert, das sie mit ihrer Arbeitsgruppe entwickelt hat und das weltweit einzigartig ist. Im Vergleich zu anderen Methoden ist es sehr nachhaltig bezüglich des geringeren Materialeinsatzes und -verbrauchs sowie der kleinen Nutzfläche, die zwei Labore ersetzt.

Entgiftet eine gesunde Leber ausreichend?

Weiterer Forschungsbedarf besteht hinsichtlich der Frage, ob Mundschleimhaut, Speiseröhre und Haut als erste Kontaktstellen mit den Genotoxinen umgehen können und ob die Leber – sollten die Genotoxine überhaupt dort ankommen – diese Substanzen entgiften kann. «Erste Untersuchungen einer simulierten Metabolisierung mit Leberenzymen zeigen, dass die meisten Genotoxine von einer gesunden Leber entgiftet werden können», so Prof. Dr. Morlock. Zudem müssen weitere Studien durchgeführt werden, um Verarbeitungspraktiken, Produktformulierungen und geeignete Lagerungsbedingungen zu finden, die die Stabilität der ölhaltigen Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika über die empfohlene Produktlebensdauer gewährleisten.

www.uni-giessen.de

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