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Chemie- und Pharmaberufe Verbandes

Aus Reifen werden Wertstoffe

Hier entstehen täglich aus bis zu 2000 Reifen ca. 3 Tonnen RCB und 4 Tonnen Öl: Das Werk 1 der Pyrum-Werke in Dillingen/Saar (D) ist das erste grosstechnische Recyclingwerk basierend auf der von Pyrum entwickelten Thermolyse-Technologie und wird rund um die Uhr (24/7) betrieben. (Bild: Pyrum)

In der Schweiz fallen jährlich 70 000 Tonnen Altreifen an. Reifen, die sich nicht mehr reparieren, nachprofilieren oder runderneuern lassen, könnten künftig via Pyrolyse chemisch verwertet werden. Das Verfahren trägt dazu bei, Abfälle zu vermeiden, wertvolle Rohstoffe im Kreislauf zu halten und fossile Rohstoffe klimagerecht zu substituieren.

Noch immer gelten Fahrzeugreifen als Einwegprodukte, deren Materialien nicht in die Produktion neuer Reifen zurückfliessen. Die Wiederverwertung von Altreifen steckt in den Kinderschuhen und der Berg auf den Deponien wächst und wächst.

Noch, so der Stand heute, werden abgefahrenen Reifen zu einem Händler gebracht – der sie aber nur im besten Fall recycelt. Wenn, dann handelt es sich dabei um eine mechanische Zerlegung in die Bestandteile Stahl und Gummi. Aus dem Gummi wird dann ein Granulat hergestellt, das für Sportplätze oder Kunstrasen eingesetzt wird. Aufgrund strengerer Umweltrichtlinien wird die Verwendung von Gummigranulat aus alten Fahrzeugreifen aber zunehmend eingeschränkt. Zudem übersteigt die Menge an Altreifen, die jedes Jahr anfällt, den Bedarf an Recycling-Gummi für Sportplätze um ein Vielfaches. Die grössten Abnehmer von alten Fahrzeugreifen sind allerdings Zementwerke, welche diese als Brennstoffersatz einsetzen.

Hinzu kommt die illegale Entsorgung. Das Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) und das Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz (RSI) haben 2025 im Rahmen einer Studie GPS-Tracker in Reifen eingebaut, die in der Schweiz nicht mehr verwendet werden dürfen bzw. laut Gesetz als Abfall gelten. Dabei kam zum Vorschein, dass von 13 Altreifen nur 5 korrekt (konventionell) recycelt wurden. 2 landeten illegal in Afrika, bei 6 brach das GPS-Signal während des Transports ab.

Die Pyrolyse erzeugt aus Abfall wertvolle Sekundärrohstoffe. Natürlicher und synthetischer Kautschuk
sowie fossile Füllstoffe aus Altreifen werden umweltverträglich in neue Ressourcen verwandelt. Aus einem Reifen werden in der Pyrolyse rund 2,5 Liter Öl und 3,5 Kilogramm Recovered Carbon Black gewonnen. (Bild: Pyrum Innovations)

Doch Altreifen sollten besser chemisch verwertet werden. In modernen, hocheffizienten Pyrolyseanlagen wird das zuvor geschredderte und granulierte Altreifen-Gummi bei 500 bis 700 °C ohne Sauerstoff thermochemisch zerlegt. Dabei entstehen Gas, Pyrolyseöl und ein fester Kohlenstoffrückstand, der zu «Recovered Carbon Black» (kurz: RCB) aufbereitet wird. Das im Prozess entstehende Pyrolysegas kann energetisch genutzt werden und macht den Pyrolyseprozess dadurch nahezu energieautark.

Die kondensierbare Gasfraktion wird als Pyrolyseöl auskondensiert. Dadurch kann ein Grossteil des Kohlenstoffs aus den Polymeren der Reifenmischung zurückgewonnen werden. Das Öl kommt in der Chemieindustrie als Substitut für fossilen Kohlenstoff zum Einsatz. Es wird (mit fossilen Rohstoffen, auf Mass-Balance-Basis) in klassischen C4-Crackern genutzt, um Monomere herzustellen.

Mit dem Recovered Carbon Black wird der in Altreifen enthaltene Industrieruss zurückgewonnen. Es wird auf eine sehr feine, homogene Partikelgrösse gemahlen und pelletiert – als klimaschonendes Substitut für fossilen Industrieruss, das zum Beispiel in der Reifenherstellung bis zu 80 Prozent CO2 einspart. (Bild: Reoil)

Klimaschonendes Substitut für fossilen Industrieruss

Mit dem Recovered Carbon Black wird der in Reifen enthaltene Industrieruss zurückgewonnen. Das RCB wird auf eine sehr feine, homogene Partikelgrösse gemahlen und pelletiert – als klimaschonendes Substitut für fossilen Industrieruss, das zum Beispiel in der Reifenherstellung bis zu 80 Prozent CO2 einspart. RCB ist ein wertvoller Sekundärrohstoff für die Herstellung neuer Reifen sowie einer Vielfalt gummibasierter Produkte: Gummiböden, Dichtungen, Förderbänder, Farben und Lacke, Sportprodukte oder Textilien. Dabei kann es je nach Anwendung bis zu 100 Prozent des fossilen Industrierusses ersetzen.

Natürlicher und synthetischer Kautschuk sowie fossile Füllstoffe aus Reifen werden umweltverträglich in neue Ressourcen verwandelt – ein wichtiger Schritt zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Aus einem Reifen werden in der Pyrolyse rund 2,5 Liter Öl und 3,5 Kilogramm RCB gewonnen.

In hocheffizienten Pyrolyseanlagen wird das zuvor geschredderte und granulierte Reifen-Gummi bei 500 bis 700 °C ohne Sauerstoff thermochemisch zerlegt. Dabei entstehen Gas, Pyrolyseöl und ein fester Kohlenstoffrückstand, der zu Recovered Carbon Black aufbereitet wird. (Bild: Reoil)

Immer mehr Industrieunternehmen in Deutschland und Europa setzen Pyrolyseöl und Recovered Carbon Black ein, um fossile Rohstoffe zu ersetzen, Ressourcen zu schonen und klimaschädliche CO2-Emissionen zu senken. Statt fossile Rohstoffe zu verbrennen, werden Kautschuk und Kohlenstoff aus Altreifen zurück in den Kreislauf geführt und neu genutzt. Das eröffnet der Industrie den Weg zu einer nachhaltigeren Produktion.

Pyrolyse als Brücke zur Kreislaufwirtschaft

Die Allianz Zukunft Reifen (AZuR) mit Sitz in Nordrhein-Westfalen engagiert sich seit 2020 europaweit für eine nachhaltige Reifen-Kreislaufwirtschaft. Das Ziel: Gebrauchte Reifen sollen möglichst zu 100 Prozent wiederverwendet oder verwertet werden, um Abfälle zu vermeiden, CO2-Emissionen zu senken, natürliche Ressourcen zu schonen und Mensch sowie Umwelt zu schützen. Über 80 AZuR-Partner aus Industrie, KMU, Handel und Wissenschaft decken dabei alle Sektoren der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft von Reifen ab – von der nachhaltigen Neureifen-Herstellung und zertifizierten Altreifen-Sammlung über die Reparatur, Nachprofilierung und Runderneuerung von Reifen bis hin zur mechanischen und chemischen Verwertung der in Altreifen enthaltenen Rohstoffe.

In der Schweiz befindet sich die Verwertung von Altreifen noch in der Entwicklungsphase. Eine erste Initiative will die Enespa-Gruppe mit Sitz in Appenzell lancieren. Ab 2026 soll das Unternehmen rezykliertes Pyrolyseöl unter dem Namen «TPO» (Tire Pyrolysis Oil) und mit Nachhaltigkeitsnachweis ISCC-Plus sowie Industrieruss (unter RCB) in den Produktionskreislauf der Reifenindustrie verkaufen. Die ISCC-PLUS-Zertifizierung ist eine freiwillige Verpflichtung für die Kreislaufwirtschaft. Alle Arten von Biomasse, Abfällen und Reststoffen, nicht-biologische erneuerbare Energien und recycelte Kohlenstoffmaterialien können darunter zertifiziert werden. Grossindustrielle Anlagen fehlen jedoch noch.

Luca Meister

https://azur-netzwerk.de
https://enespa.com/

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