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Wikipedia beeinflusst die chemische Forschung

Wer einen Beitrag für Wikipedia schreibt, erreicht viele Menschen – auch Wissenschaftler. (Bild: Nohat, CC BY-SA 3.0)

Jeder kennt das: Plötzlich stolpert man über eine exotische Theorie. Also liest man das Wichtigste kurz auf der Wikipedia nach. Oft sind seriöse Studien zur Thematik ganz unten in den Beiträgen verlinkt. Praktisch. Doch, dass die Wikipedia nicht nur im Alltag hilft, sondern auch umgekehrt die Forschung beeinflusst, ist ein ganz anderes Kapitel.

Was wäre das Internet ohne Wikipedia? Keine Frage, die Plattform ist nützlich und auch wichtig. Denn sie generiert frei zugängliches Wissen. Aber man kann die Enzyklopädie durchaus auch kritisieren. Vor allem die internen Strukturen der Wikipedia sind schwierig.

Das Problem mit der fehlenden Transparenz

Die Autoren der Wikipedia-Beiträge sind anonym. Dies ist wichtig. Nur so sind die Verfasser geschützt, da auch über politisch oder gesellschaftlich heikle Themen geschrieben werden muss. Andererseits öffnet diese Ausgangslage Manipulationen und Fehlinformationen Tür und Tor. Daher führte man sogenannte Administratoren ein, die für Recht und Ordnung sorgen sollen. Administratoren sind Wikipedia-Autoren, die schon sehr lange und intensiv für die Plattform schreiben. Sie werden von den anderen Autoren gewählt. Nur die Administratoren dürfen beispielsweise ganze Beiträge löschen. Sie sind die «Hüter und Wächter» der Wissensplattform und haben sozusagen die letzte Stimme. Diese Struktur wird aber oft kritisiert: Wer sind denn diese Administratoren? Über welche Kompetenzen verfügen sie? Wie lange bleiben sie gewählt? Wer sind die Wähler? Alles offene Fragen.

Keine verlässliche Quelle

Gerade wegen dieser Intransparenz bei den Autoren ist bei Wikipedia-Beiträgen immer Vorsicht geboten. Zudem fehlen oft Primärquellen und eine faire Beurteilung eines heiklen Themas ist nicht möglich. Für eine bewusste Falschaussage haftet niemand. Und dennoch: Gerade diese Plattform soll Einfluss auf die chemische Forschung nehmen. Neil C. Thompson von der MIT und Douglas Hanley von der University of Pittsburgh wollten diese Vermutung wissenschaftlich überprüfen.

Chemie und Wikipedia

Dass wissenschaftliche Studien teilweise den Inhalt der Wikipedia-Beiträge liefern, ist schliesslich klar. Damit aber umgekehrt auch der andere Zusammenhang erkennbar wird, mussten die Forscher zuerst einmal eigene Wikipedia-Artikel erstellen. Zusammen mit Doktoranden der Chemie generierten sie unzählige Beiträge, die auf der Plattform thematische Neuheiten darstellten.

Gute Forschung, schlechte Forschung

In ihrer Studie beschreiben Thompson und Hanley ihr datenbasiertes Vorgehen ganz genau. Um einen möglichen Effekt ihrer Wikipedia-Artikel auf die Forschung zu messen, werteten sie die Themenlandschaft der chemischen Forschung vor und nach der Veröffentlichung aus.

Analyse der StudienProduktion der Wikipedia-ArtikelAnalyse der Studien
6 Monate vor der Publikation3 Monate6 Monate nach der Publikation
Die Zeitfenster der Untersuchungen: sechs Monate vor der Produktion der Artikel und sechs danach.

Wie misst man aber einen möglichen Einfluss? Schliesslich wird bei wissenschaftlichen Publikationen niemals «Wikipedia» als Quelle genannt. Bei ihren erstellten Wikipedia-Beiträgen positionierten die phD-Studierenden am Schluss immer zwischen 2 und 3 bewusst ausgewählte Primärquellen. Die Idee: Anstelle von «Wikipedia» würden diese Primärquellen vermehrt in den wissenschaftlichen Publikationen zitiert, wenn die Enzyklopädie nun Einfluss auf die Wissenschaftscommunity nähme. Zusammen mit anderen Faktoren war schnell klar: Ja, die Wikipedia-Artikel hatten eine messbare Resonanz auf die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der folgenden sechs Monate. Ob dies nun gut oder schlecht sei, wollten Thompson und Hanley nicht schreiben. Die Bewertung der wissenschaftlichen Qualität eines Zeitschriftenartikels sei, auch abgesehen von diesem Experiment, schwierig, so die Autoren.

Zu hoffen ist, dass die Chemiker, die diese Primärquellen aus den Wikipedia-Artikeln zitierten, auch wirklich die Primärquellen zuvor gelesen hatten und nicht nur das Wiki-Kurzfutter.

Wikipedia ist ein Instrument

Wer viele Menschen erreichen will, der schreibt Beiträge für Wikipedia. Damit verschafft man sich nicht nur bei Otto Normalverbraucher Gehör, sondern spricht auch forschende Chemiker an. Dabei steuert man bis zu einem gewissen Grad die Richtung, wonach geforscht werden soll und welche Publikationen zitiert werden sollen – und welche eben nicht. Falschinformationen, Manipulationen und Fehler sind an der Tagesordnung. Deshalb ist es wichtig: Forschende sollten selbst auch Beiträge auf Wikipedia verfassen. Ihre Forschung wird verstärkt wahrgenommen und Falschinformationen sowie Fehler werden eingedämmt.

Roger Bieri

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