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Wenn das edle Weiss verschwindet

Das strahlende Weiss verdanken diese Kaugummis dem beigefügten Titandioxid (E 171). (Bild: Adpic)

Es ist definitiv. Der Lebensmittelzusatzstoff Titandioxid wird aus der Schweiz verbannt. Dies verkündeten die Behörden bereits im Mai dieses Jahres. Die chemische Verbindung mit der E-Nummer E 171 veredelte unter anderem Kaugummis und Salatsaucen zu einem strahlenden Weiss. Der Stoff kommt allerdings auch in Kosmetika und Medikamenten vor. Wieso die Schweiz mit dem Verbot zögerte und sich nun dennoch dafür entschied.

Die Franzosen waren uns voraus. Bereits 2019 haben sie beschlossen, den Lebensmittelzusatzstoff Titandioxid (E 171) aus ihren Lebensmittelschränken für 2020 zu verbannen. Die Vermutung, dass diese Verbindung bei oraler Aufnahme möglicherweise zur Entwicklung von Darmkrebs beitragen könne, wurde nämlich bereits Jahre zuvor geäussert. Die französischen Behörden warteten nicht länger ab und reagierten darauf mit einem damals noch vorläufigen Verbot – ganz nach dem Motto: Sicher ist sicher.

Ist der Verzicht gerechtfertigt?

Hierzulande sah das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) dies anders. Für sie war der Verzicht auf die Substanz in Lebensmitteln damals nicht gerechtfertigt.

Mit der neuen Beurteilung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) muss nun auch das BLV den Weissmacher verbieten, denn die unsichere Datenlage ist nun offensichtlicher geworden. Die Efsa kommt zum Schluss, dass «Bedenken hinsichtlich der Genotoxizität von TiO2-Partikeln nicht ausgeschlossen werden können». Der Verdacht, dass Titandioxid das Erbgut verändert, konnte nicht entkräftet werden. Zudem wurde klar, dass der Körper die Substanz nur schlecht ausscheiden kann. Das wiederum erhöht das Potenzial, sich im Gewebe anzureichern.

Sicherheit geht vor

Nun gilt auch für die Schweiz: Sicher ist sicher. Das Efsa-Gutachten basiert auf Studien mit Versuchstieren – Untersuchungen bei Menschen oder «gezielte epidemiologische Untersuchungen» lägen noch nicht vor, informiert das BLV auf seiner Website. Laut dem deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung durchforstete die Efsa über 12 000 Studien zum Thema.

Wo Titandioxid drinsteckt

Titandioxid ist ein beliebter Stoff. Nicht nur wegen seiner Farbe, die nicht bloss in der Lebensmittelindustrie geschätzt war. Die Substanz bleibt uns z. B. noch in Kunststoffen, Kosmetika oder in Tätowiermitteln erhalten. Ob der Stoff in anderen Bereichen, wo er in den Körper eindringt, bald auch verboten wird? Dies ist zumindest klar: Seit September 2020 gilt Titandioxid in der EU als karzinogenes Material durch Einatmen.

Roger Bieri

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