Bereits zum vierten Mal hat die Universität Zürich untersucht, wie die Schweizer Bevölkerung zur Wissenschaft steht. Unter anderem evaluierten die Kommunikationswissenschaftler das Vertrauen, das die Menschen in Forscherinnen und Forscher setzen. Der Glaube an die Wissenschaft ist im Allgemeinen hoch, doch die Daten zeigen auch: Das Vertrauen in die Wissenschaftskommunikation hat aufgrund der Pandemie stark gelitten.
Die Schweiz ist eine Forschungsnation. Die Forschung und Entwicklung macht laut dem Bundesamt für Statistik rund 3,15 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) aus. Das sind deutlich mehr als im EU-Durchschnitt (2,10 Prozent) oder in den USA (3,07 Prozent).
Diese Wirtschaftsleistung wird hierzulande grösstenteils von der Privatwirtschaft getragen. Denn sie finanziert die Forschung zu etwa zwei Drittel. Wissenschaft existiert also dank der Industrie. Eine Forschung, die völlig unabhängig von der Privatwirtschaft agiert, ist nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Nichtdestotrotz gibt es sie, die Wissenschaft, die unvoreingenommen und möglichst unabhängig Antworten finden will. Der Katalysator einer solchen, idealen Disziplin sind immer die Forscherinnen und Forscher selbst. Sie haben es letztlich in der Hand, wie und wofür sie forschen.
Die Menschen hinter der Wissenschaft
Doch kann man Forschende noch als «unabhängig» bezeichnen, wenn zwei Drittel der finanziellen Mittel für die Forschung aus der Industrie und Co. stammen? Kommunikationswissenschaftler der Universität Zürich gehen in ihren Studien, regelmässig der Frage nach, wie die Menschen zur Wissenschaft stehen. Im sogenannten «Wissenschaftsbarometer» publizieren die Forschenden ihre Resultate und machen sie der Allgemeinheit zugänglich. Bereits viermal haben sie die Umfragereihe veröffentlicht: Für die Jahre 2016, 2019, 2020 und 2022.
Die «G-Regeln» waren nie wissenschaftlich begründbar, da eine Übertragung des Coronavirus trotzdem immer möglich war.
In allen bis jetzt durchgeführten «Wissenschaftsbarometern» stellten die Kommunikationsexperten den Studienteilnehmern unter anderem die Frage, wie hoch ihr Vertrauen in Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an Universitäten sei. Die Befragten konnten innerhalb einer Skala von 1 (niedrig) bis 5 (sehr hoch) ihre Antworten ankreuzen.
Die Gretchenfrage
Die Frage nach dem Vertrauen ist eine äusserst wichtige. Wenn die breite Bevölkerung der Wissenschaft oder den Wissenschaftlern keinen Glauben mehr schenkt, läuft irgendwo zwischen der Wissenschaft und dem Publikum etwas gewaltig schief. Die gute Nachricht für Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft: Die Mehrheit der Befragten hat ein grosses Vertrauen in die Forschenden. 2016 gaben 63,6 Prozent an, dass ihr Vertrauen in Wissenschaftler an Universitäten «hoch» bis «sehr hoch» sei. Und lediglich 5,1 Prozent schätzten ihr Vertrauen gegenüber dieser Berufsgruppe als «sehr gering» oder «gering» ein.
Recht spannend wird es, wenn man die Resultate dieser Frage mit den Ausgaben der Jahre 2019 – ein Jahr vor Corona – und 2020 (mitten im Coronadschungel) vergleicht. Das Vertrauen in die Wissenschaftler ist zwischen 2019 und 2020 scheinbar schlagartig in die Höhe gesprungen. So gaben im Coronajahr 69,8 Prozent (versus 63,6 Prozent im 2019) einen Vertrauenswert von «hoch» bis «sehr hoch» an. Noch nie zeigten so viele Menschen, ein so starkes Grundvertrauen. Den Wissenschaftlern negativ gesinnt waren unverändert zum Vorjahr 7 Prozent («gering» bis «sehr geringes» Vertrauen).
Doch 2022, nachdem sich die Coronasituation beruhigt hatte, ist das Vertrauen in die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erneut gesunken: 13,6 Prozent hatten ein «sehr hohes» Vertrauen (vgl. 2020: 24,9 Prozent), ähnlich viele wie 2019. Das heisst, die Coronapandemie hatte nur einen vorübergehenden Einfluss auf das Verhältnis der Bevölkerung zu den Forschenden.
Geteilte Meinung zur Wissenschaft
Zudem zeigen die Daten der Umfrage von 2022, dass «kritische Stimmen» zugenommen haben. Im Gegensatz zu vor der Pandemie möchten deutlich weniger Personen, dass die Forschenden die Öffentlichkeit über ihre Arbeit informieren sollten. 22 Prozent der Befragten seien zudem der Ansicht, dass Wissenschaft, Politik und Wirtschaft unter einer Decke steckten, schreibt die Universität Zürich in einer Pressemitteilung zur aktuellen Untersuchung. Geteilte Meinungen fänden sich bei den Fragen, ob man sich im Allgemeinen zu sehr auf die Wissenschaft verlasse (36 Prozent Ablehnung und 30 Prozent Zustimmung) oder ob Wissenschaft ohne Einschränkung alles erforschen dürfe (43 Prozent Ablehnung und 26 Prozent Zustimmung).
Eine Bewährungsprobe der Wissenschaftskommunikation
Es sieht also so aus, dass das Problem für den Vertrauensverlust nicht die Forschenden an sich auslösen, sondern die Kommunikation. Für 2022 gab mit über 50 Prozent die Mehrheit der Befragten an, dass sie der Wissenschaftsberichterstattung von traditionellen Medien nur «mittelmässigen» Glauben schenken. Hohes und geringes Vertrauen hielten sich bei dieser Frage die Waage.
Es haben sich also drei Lager gebildet: Die Mehrheit, die zeifelt, und zwei grosse Minderheiten, die gegensätzlicher Ansicht sind. Während des Coronajahres sah dies noch ganz anders aus. Der Grossteil der Menschen war davon überzeugt: Was die Wissenschaftler und Ärzte öffentlich sagten, sei richtig. Nur den Politkern, aber vor allem den Journalisten misstrauten sie.
Der feine Unterschied
Der neuste «Wissenschaftsbarometer 2022» macht deutlich: Die Wissenschaftseuphorie vom Coronajahr ist verpufft. Und die Menschen zweifeln auch daran, was die Wissenschaftler sagen. Das scheint auch folgerichtig zu sein. Denn das, was Wissenschaftler öffentlich kommunizieren, ist nicht mit dem gleichzusetzen, was eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler ausmacht. Redet eine forschende Person in der Öffentlichkeit, betreibt sie Wissenschaftskommunikation – und nicht etwa Wissenschaft. Das ist der feine, grosse Unterschied.
Wissenschaftskommunikation ist oft Teil einer Marketingabteilung und da geht es um die Imagepflege einer Hochschule und nicht um die Aufrechterhaltung eines wissenschaftlichen Ehrenkodex. Der Wissenschaftshype von 2020 war in Wirklichkeit ein Ausdruck von Hoffnung, der in einen tiefen Glauben in die Wissenschaftskommunikation mündete.
Es ist also die Wissenschaftskommunikation mit all ihren Facetten, die durch ihre Eigenart nun nach der Coronazeit mehr wissenschaftskritische Stimmen hervorbrachte. Dies nichtzuletzt, weil sie das Image der Wissenschaft pflegt und nicht die Wissenschaft selbst.
Roger Bieri
Zahlen und Fakten rund um die Forschung und Entwicklung in der Schweiz
2019 wertete das Bundesamt für Statistik (BFS) Kennzahlen zur Forschungslandschaft in der Schweiz aus. Der Wirtschaftszweig beschäftigt 132 605 Personen und macht 3,15 Prozent des Bruttoinnlandprodukts aus.
