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Ein Gamechanger im Kampf gegen Tuberkulose?

Patricia Risch von Avelo überprüft den Filter des Tuberkulose-Tests am Computer. Der Test soll später auch für andere Atemwegsinfektionen zum Einsatz kommen. (Bild: ZHAW Wädenswil)

Die Innosuisse fördert mit rund 380 000 Franken die Entwicklung einer neuen Diagnostikmethode. Dabei soll mit einem Atemtest Tuberkulose frühzeitig erkannt werden können. Am Projekt beteiligt sind die Universität Zürich, die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und das Start-up Avelo.

In der Schweiz ist Tuberkulose meldepflichtig und sie ist selten. In den vergangenen Jahren erkrankten laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) jährlich etwa 550 Personen an der übertragbaren Krankheit. Ganz anders sieht es hingegen in ärmeren Regionen der Welt aus. In bestimmten Ländern Afrikas oder Asiens sterben heute noch zahlreiche Menschen an Tuberkulose. 2020 erlagen laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1,5 Millionen Menschen den Folgen der Infektionskrankheit. Wobei von diesen Verstorbenen 214 000 zusätzlich mit HIV infiziert waren.

Schnelle Diagnose ist das A und O

Um die Erkrankung bestmöglich zu behandeln und die Ausbreitung zu minimieren, ist eine frühzeitige Diagnose das A und O. Eine Impfung wird nicht empfohlen. Laut dem BAG liefert sie nur einen «gewissen Schutz» in den ersten Lebensjahren. In der Schweiz werde nur ausnahmsweise geimpft und auch dann nur im ersten Lebensjahr. Zudem: Wenn Tuberkulose rechtzeitig erkannt wird, können Mediziner sie gut behandeln, Rückfälle verhindern und so die Ausbreitung stoppen.

«Wir verfügen über die Technologie, um einen Unterschied im Kampf gegen Tuberkulose zu machen.»

Melanie Aregger

Neben Röntgenaufnahmen des Brustkorbs stehen der heutigen Medizin auch mikrobiologische Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Dabei sei die aktuelle Standardprobe Sputum (Auswurf), schwer zu entnehmen und erfordere eine komplexe Probenaufbereitung, erläutert die ZHAW in einer Medienmitteilung. Dies führe zu hohen Kosten und zu einer langen Wartezeit bis zum Testergebnis. Genau dieser Umstand führt dazu, dass die Erkrankung nicht rechtzeitig behandelt wird. In der Folge steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Patientin oder der Patient verstirbt oder dass die Infektion sich weiter ausbreitet.

Atemtest funktioniert wie Alkoholtest

«Wir verfügen über die Technologie, um einen Unterschied im Kampf gegen Tuberkulose zu machen», wird Melanie Aregger, CEO vom Start-up Avelo im Communiqué zitiert. Bis 2023 soll das Start-up zusammen mit Forschenden der ZHAW und der Universität Zürich einen neuartigen Atemtest entwickelt und klinisch validiert haben. Dafür unterstützt sie die Innosuisse mit einem finanziellen Zustupf von 380 000 Franken.

In der Handhabe ist der «nicht-invasive Atem-Aerosol-Kollektor» wie ein Alkoholtest: Man bläst ein paar Mal auf einen Filter. Fertig. Der Filter besteht aus ganz feinen Nanofasern, die so strukturiert sind, dass die Aerosole an deren Oberfläche «kleben» bleiben. Die gesamte Methode wird mit PCR-Tests kombiniert, wodurch der bakterielle Erreger bestimmt werden kann.

Christian Adlhart während der Arbeit in einem Labor der ZHAW in Wädenswil. An der Fachhochschule verantwortet er die Fachstelle Funktionsmaterialien und Nanotechnologie. Spezialgebiet: 3-D-Nanofaserfilter. (Bild: ZHAW Wädenswil)

Die Leistungsfähigkeit muss stimmen

Gemäss einer Studie im Wissenschaftsmagazin «Plos Medicine» könnte der Einsatz von Atem-Aerosol-Kollektoren bereits heute Tuberkulosetodesfälle verhindern. So würden durch solche Tests gerade diejenigen Personen am meisten profitieren, die zusätzlich an einer besonders stark ausgeprägten HIV-Infektion leiden. Aber in der Studie heisst es auch: «Um die Tuberkulose-Epidemie auf Bevölkerungsebene einzudämmen, selbst in Gebieten mit hoher HIV-Belastung, müssen künftige Atem-Aerosol-Kollektoren so leistungsfähig sein, dass sie nicht nur in der HIV-Versorgung eingesetzt werden können.»

Wenn es den Forschenden gelingt, die Tests so «leistungsfähig» zu entwickeln, könnten sie durchaus zum «Gamechanger» im Kampf gegen Tuberkulose werden.

Auch gegen andere Krankheiten einsetzbar

Das interdisziplinäre Team will in einem nächsten Schritt den Test auch für die Diagnose anderer Infektionskrankheiten weiterentwickeln. Dies erlaube einen gezielteren Einsatz von Antibiotika, die derzeit in zwei Drittel der Fälle unnötig verschrieben würden. Sämtliche Infektionskrankheiten der unteren Atemwege liessen sich derzeit nur anhand invasiver, schwer zu entnehmender Probetypen wie Sputum oder die Lungenwäsche diagnostizieren. Es wäre somit auch der erste einfach anwendbare Test zur Diagnose von Lungenentzündung, heisst es in der Pressemitteilung.

Das Potenzial dieses Projekts hat Innosuisse erkannt. Ob die Technologie dann auch wirklich in den entsprechenden Ländern eingesetzt wird, ist wie so oft auch von anderen Faktoren abhängig, auf die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler allein keinen Einfluss nehmen können.

Roger Bieri

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